Sieg-Tech: Perspektiven Ruhrgebiet

Unterschiedliche und gemeinsame Probleme

Wer das Ruhrgebiet aus der Hubschrauberperspektive wahrnimmt, sieht nur ein dicht besiedeltes Areal. Einzelheiten bleiben verborgen. Wer lediglich einen Stadtteil oder eine Stadt kennt, wird auch einen falschen Eindruck gewinnen. Es bleibt beim Kirchturmdenken. Das Ruhrgebiet als monolithischen Block gibt es genausowenig wie die einzelne Stadt, die ohne Auswirkungen auf die Umgebung handeln kann. Im Ruhrgebiet wird das System kommunizierender Röhren überdeutlich. Das Ruhrgebiet besteht aus vielen Teilen, die einerseits ganz unterschiedliche Probleme haben, die lokal gelöst werden können und andererseits gibt es etliche Aufgaben, die sinnvoll im Verbund bewältigt werden müssen. Kurz: Das Ruhrgebiet ist eine polyzentrische Region. Wer das nicht sieht, wird die Aufgaben der Zukunft nicht lösen können.

 

Das Gute am Revier

Das Revier hat auch viele Qualitäten. Es wird von den Menschen, die dort leben, als attraktiv wahrgenommen. Das ist kein Wunder. Wer das Ruhrgebiet kennt, weiß dass es in keinem Ballungsraum ähnlich viele, breit gefächerte kulturelle Angebote gibt, wie hier. Von der „Hochkultur“ im Konzerthaus über die diversen Veranstaltungen im Weltkulturerbe Zollverein bis zum alternativen Bereich, zum Beispiel im Bahnhof Langendreer. Die kommerziellen Angebote, zum Beispiel die vielen Discos und Kneipenviertel, sollte man nicht vergessen. Für jeden Geschmack wird etwas geboten. Ähnlich attraktiv ist die sportliche Landschaft. Allein in den Stadien der Clubs der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga versammeln sich Woche für Woche Hunderttausende von Zuschauern. Das Revier ist grün, Parks und Wälder zur Naherholung gibt es in den meisten Städten. Durch Großprojekte wie den Kemnader See und den Emscher-Landschaftspark ist hier in den letzten Jahrzehnten viel geleistet worden. Die Entwicklung dauert an, der Duisburger Binnenhafen und der Phoenixsee in Dortmund sind Beispiele für die gelungene und andauernde Reaktivierung bestehender Flächen.

 

Nicht abwarten

Kein Grund sich zurückzulehnen. Denn viele müssen das Revier verlassen, weil es an Arbeitsplätzen fehlt. Die demografische Entwicklung ist besorgniserregend. Dadurch und durch die Krise des Einzelhandels in den Innenstädten entstehen massive Leerstände. Die Schul- und die dichte Hochschullandschaft muß unbedingt stärker werden. Sie muß in der Breite und in der Spitze attraktiv sein, um national und international in der ersten Liga mitspielen zu können. Neben einigen prosperierenden Quartieren gibt es im Revier Stadtviertel, in denen die Armut allgegenwärtig ist. Kinderarmut bedarf besonderer Erwähnung, denn sie verbaut viel zu oft schon den richtigen Start ins Leben.

Die Liste ist beliebig erweiterbar, aber Poltiker sollen keine Lamenti komponieren, sondern mit der und für die Gesellschaft Lösungen entwickeln.

 

Innovative Produkte und Dienstleistungen in der alternden Gesellschaft

Im Gebiet des Regionalverbandes Ruhr sind im Schnitt 12 % der Menschen arbeitslos, in einer Stadt gar 20. Hier besteht erheblicher Handlungsdruck. Mittlerweile sollte allen klar sein, dass neue Arbeitsplätze nicht auf den Sektoren entstehen werden, in denen unter enormen Kostendruck in einer Abwärtsspirale ein Kampf mit ungleichen Wettbewerbern geführt wird, der nicht zu gewinnen ist. Weder mit dem derzeitigen osteuropäischen noch mit dem chinesichen Lohnnivau könnten Menschen im Ruhrgebiet leben oder auch nur überleben. Unternehmen im Revier müssen in Forschung und Entwicklung intensivieren, um Produkte auf den Markt zu bringen, die nicht überall auf der Welt hergestellt werden können. Politik hat die Aufgabe, Modelle durch Netzwerke und begrenzt durch finanzielle Ressourcen zu fördern, die hier vor Ort Arbeitsplätze schaffen. Subventionen für die Abwanderung einer Zwiebackfabrik aus dem Ruhrgebiet nach Ostdeutschland aus dem Solidarbeitrag zu zahlen, weil sie dort Arbeitsplätze schaffe, bedarf keiner Kommentierung. Das ist nur die Spitze einer falsch verstandenen Wirtschaftsförderung nach dem Gießkannenprinzip. Gefördert werden darf nur noch, was zukunftsträchtig ist und nur, wenn wirklich Innovation und Arbeitsplätze zu erwarten sind.

Ein grobschlächtiger Blick aus der Ferne in die Vergangenheit könnte den falschen Eindruck erwecken, die Produktion sei immer noch allein bestimmend für das Revier. In ihr arbeiten aber schon jetzt nur noch 31,2  Prozent der Beschäftigten. Mit 68,1 Prozent ist der Dienstleistungssektor überrepräsentiert. Gerade vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft, in der ein Großteil des Kapitals bei den über sechzig Jährigen liegt, bieten sich hier interessante Perspektiven für die Schaffung von Angeboten, in die dieses Kapital investiert werden kann, und damit letztlich in Arbeitsplätze. Ältere Menschen benötigen häufig Leistungen rund um Pflege, Betreuung und Gesundheit. Sie auf einem hohen Niveau anzubieten, muß gesellschaftliche Verpflichtung sein. Ein Institut für Pflegewissenschaften, wie es die Universität Witten/Herdecke geschaffen hat, ist hierfür eine gute Basis. Hier bietet die erste Uni akademische Abschlüsse für diesen Bereich. Und warum sollten in einer Region, in der schon entsprechende Fähigkeiten vermittelt werden, nicht auch attraktive Angebote für alte Menschen vorgehalten werden ? Politik muß deutlich sagen, daß sie dies für eine Schwerpunktaufgabe hält und personelle Ressourcen für Moderationsprozesse einsetzen.

Abgesehen von den pflegenahen Dienstleistungen erschließen sich neue Bereiche im Bereich der Angebote für Senioren, und zwar jenseits des von der Werbung genutzten „Kukident-Schemas“, das Menschen jenseits der 50 links liegen lässt. Der Glaube, die Zielgruppe schlechthin sei die von 14 bis 49, ist heute falsch und wird in Zukunft noch viel falscher sein. Gerade das Revier kann nicht nur als Testmarkt für Produkte und Dienstleistungen für ältere dienen. Hier gibt es auch die Möglichkeit, demographische Prozesse politisch in die richtigen Bahnen zu lenken. Zehn Jahre später wird die Verschiebung der Alterspyramide nämlich ein deutschlandweites Phänomen sein.

Um es deutlich zu sagen, das ist eben kein Plädoyer für eine Aneinanderreihung sogenannter Seniorenresidenzen. Vielmehr ist jetzt die Zeit, dass Stadtplaner mit Wohnungsgesellschaften und Mietern den Bestand an Wohnraum umbauen und, wo nötig, auch ausdünnen, um Alten und jungen Familien ein gemeinsames Wohnen zu ermöglichen. Hier gibt es schon hervorragende Ansätze, nicht nur von den großen Wohnungsgesellschaften sondern auch von kleineren. Politik sollte Lösungen für Probleme bündeln, die sich in mehreren Revierstädten zugleich stellen und hier die Moderatorfunktion einnehmen. Quartiermanager sind dort sinnvoll, wo es neben den demografischen auch soziale Spannungen gibt.

 

Die Menschen ernstnehmen und mitnehmen

Das Ruhrgebiet ist eine multikulturelle Gesellschaft, auch wenn manche das nicht gerne hören. Wer die Migranten in der Erneuerung der Wohnviertel, bei Bildung und Erziehung nicht mitnimmt, nicht auf ihre Bedürfnisse eingeht, muß sich nicht wundern, wenn sich abgeschottete Milieu entwickeln. Gerade im Revier müsste jeder wissen, dass Assimilation nicht funktioniert. Niemandem kann man seinen Glauben nehmen. Weder den katholischen Bergleuten aus Oberschlesien, die vor 100 Jahren nach Preußen einwanderten, noch den türkischen aus Anatolien und deren Familien, die vor 40 Jahren kamen. Chancengerechtigkeit für alle zu verwirklichen, ist Aufgabe in Erziehung und Bildung genauso wie in der Wirtschaftsförderung. Ein guter Anfang ist die hervorragend angenomme Ganztagsschule, im zweiten Schritt muß für der Kindergartenbesuch für alle attraktiv gemacht werden. Denn gerade für das Erlernen der deutschen Sprache ist er notwendig. Die Sprachkompetenz ist Grundvoraussetzung für beruflichen Erfolg und auch für ein gutes Leben in Nachbarschaft und Region.

Manches Viertel im Revier sähe heute traurig aus, wenn nicht Migranten für die Belebung des Einzelhandels gesorgt hätten. Eine gute Entwicklung, die die wirtschaftlichen und politischen Akteure flächendeckend forcieren sollten. Gerade hier kann der neue Regionalverband Ruhr in Kooperation mit den IHKs ein Feld erschließen, das derzeit noch nicht in allen Revier-Städten systematisch wahrgenommen wird. Die Zusammenarbeit mit allen Migranten-Organisation, die auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen, wird in ihre Communitys wirken und dem Revier den Schub geben, den es braucht.

 

Strukturen für Erfolge

Das Erkennen von Zusammenhängen und der Notwendigkeit der Zusammenarbeit im Revier werden über den Erfolg des Umbaus entscheiden. Mit der Gründung des Regionalverbandes Ruhrgebiet ist die institutionelle Basis hiefür geschaffen worden. Jetzt gilt es, sie auszufüllen. Die Mitglieder der Verbandsversammlung sollten sich ihrer Verantwortung bewußt sein. Die Chance der städteübergreifenden Zusammenarbeit muß schnell in den ersten Masterplan eingeschleust werden, um zu zeigen, dass auch die zweite Etappe des Strukturwandels gelingen kann. Wenn dann im Ergebnis zum Beispiel in einem Masterplan Bildung mehr herauskommt, als die Summe des Einzelnen ergibt, sind wir einen großen Schritt weiter. Dann kann es mit der Neujustierung der Verwaltung weitergehen. Die Möglichkeiten liegen zwischen Ruhrbezirk und einem Pendant zum Greater London Council. Das Revier ist seit Jahrzehnten im permanenten Wandel. Jetzt geht es darum, einen Schritt zuzulegen, ohne dabei Menschen zu vergessen.

 

Dr. Frithjof Schmidt ist Europaabgeordneter und Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen NRW

Börje Wichert ist Mitarbeiter von Dr. Frithjof Schmidt.

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