Aufruf für eine solidarische Bildungsregion Ruhrgebiet

Aufruf des Bezirksverbands Ruhr: „Für eine solidarische Bildungsregion Ruhrgebiet – gegen soziale Ungleichheit, Armut und Bildungsbenachteiligung“

 In den vergangenen Jahrzehnten haben das Land und die Ruhrgebietskommunen gemeinsame Anstrengungen für die Bereitstellung von zeitgemäßen Bildungseinrichtungen und anspruchsvollen Bildungsangeboten unternommen. Das allgemeine Bildungsniveau in der Region konnte damit deutlich verbessert werden. Gemessen an den durchschnittlichen Schulübergangs- und Schulabschlussquoten liegt das Ruhrgebiet als Ganzes heute im Trend und hat mit NRW gleichgezogen. Gleichwohl dürfen wir uns nicht von den durchschnittlichen Zahlen der allgemeinen Schulstatistik täuschen lassen. Diese Statistik verbirgt ein enormes Bildungsgefälle zwischen Stadtteilen und Teilregionen des Ruhrgebiets als Ausdruck sozialer Ungleichheit.

Mit der Modernisierung und dem Anstieg der Erwerbslosigkeit sind seit den Achtzigerjahren im Ruhrgebiet die sozialen Disparitäten zwischen Arm und Reich außerordentlich gewachsen. Von der Sozialforschung wissen wir, dass die Sozialhilfequote im Ruhrgebiet ein Drittel höher ist als die im Land. Armut konzentriert sich hier wie in anderen urbanen Ballungsräumen sozialräumlich auf benachteiligte Stadtteile und strukturschwache Gebiete. Im Vergleich zu allen anderen Bevölkerungsgruppen sind die Armutsrisiken bei Kindern am größten. Nichtdeutsche Kinder sind doppelt so häufig von Armut betroffen. Etwa 40 % der Sozialhilfebeziehenden im Ruhrgebiet sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Mehr als die Hälfte aller sozialhilfeabhängigen Kinder unter 16 Jahren lebt in Familien alleinerziehender Mütter. Fast jedes zweite dieser Kinder ist noch keine sieben Jahre alt.

Unter Einbeziehung der Bevölkerungsentwicklung steht fest: Die Mehrheit der Kinder im Ruhrgebiet wird künftig – wenn politisch nicht nachhaltig gegengesteuert wird – unter Bedingungen der Armut in benachteiligten Stadtteilen aufwachsen. Sie wird unter den Bedingungen einer abweichenden gesellschaftlichen Normalität groß werden, die sie vielfältig benachteiligt und depriviert. Chancenungleichheit, Bildungsbenachteiligung und die Verfestigung von Armut sind die Folgen. Aktuelle Analysen belegen in schockierender Weise den Zusammenhang von Stadtteilzugehörigkeit, sozialer Lage und Bildungsbenachteiligung: Während in dem privilegierten Essener Stadtteil Bredeney die Gymnasialquote bei 80,3 liegt, erreichen im Westviertel von Essen mit einer Sozialhilfedichte von 47,4 % nur 7,7 % eines Altersjahrgangs das Gymnasium zum Schuljahr 2000/2001. Derzeit verfügen ca. 20 % der sozialhilfebeziehenden jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren im Ruhrgebiet über keinen Schulabschluss, während es in der altersgleichen Gesamtbevölkerung nur jeder dreißigste ist.

Die Bildungsbeteiligung der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund muss bei allen erreichten Fortschritten weiterhin als ausgesprochen problematisch gelten. Besonders auffällig ist ihre Unterrepräsentanz in den Gymnasien und ihre Überrepräsentanz in den Schulen für Lernbehinderte. In Zukunft wird jedes dritte Kind, das in NRW einen Kindergarten oder eine Schule besucht, einen Migrationshintergrund haben. Auch deshalb muss die soziale und kulturelle Ausgrenzung, die diese Gruppe immer noch erfährt, ins Zentrum des politischen Handelns rücken.

Armut, Bildungsbenachteiligung und gesellschaftliche Ausgrenzung sind Elemente eines Kreislaufs, der sich entwicklungshemmend auf alle Bereiche der Regionalentwicklung auswirkt. Er hat u.a. zu einem weitreichenden Verlust der Solidaritätspotenziale geführt, die noch in den siebziger Jahren der Region als „soziales Kapital“ zur Verfügung standen. Heute stellt das brüchig gewordene Zusammenleben in den Stadtgesellschaften auch im Ruhrgebiet einen gefährlichen Boden für Rechtsextremismus dar.Wenn die Teilhabe an Bildung die soziale Frage des 21. Jahrhunderts ist, dann stellt  diese die Region vor ganz besondere Aufgaben!

Vor diesem Hintergrund setzen sich die Grünen im Bezirksverband Ruhrgebiet für die solidarische Bildungsregion Ruhrgebiet ein. Die Herstellung gleicher Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen ist für uns langfristiges Ziel und konkrete alltägliche Herausforderung zugleich. Wir haben die Vision, dass Armut, Bildungsbenachteiligung und Ausgrenzung vermieden, bearbeitet und überwunden werden können. Dies geht nur mit den Betroffenen. Ihre Eigentätigkeit muss aktiviert und ihre Partizipation gesichert werden. Daran werden wir den Erfolg zukünftiger Maßnahmen und gemeinsamer Anstrengungen messen.

Wir fordern, dass zur Vermeidung, Bearbeitung und Überwindung dieser Problematik das Land und die Ruhrgebietskommunen den Paradigmenwechsel zu einer sozialräumlich orientierten, stadtteil-und gemeinwesenbezogenen Bildungspolitik mit vielfältigen Vernetzungen zu anderen Politikfeldern einleiten. Bislang getrennte Zuständigkeiten, Förderprogramme, Gelder und Entscheidungsabläufe müssen auf der Ebene des Landes und der Kommunen so gebündelt und die Maßnahmen in der Verantwortung der Kommunen so eingesetzt werden, dass Kinder und Jugendliche in Stadtteilen mit besonderen Benachteiligungen frühzeitig eine umfassende zusätzliche Förderung zur Verbesserung ihrer Lebenslagen erfahren. Darüber hinaus ist zur Unterstützung der kommunalen Anstrengungen unter Berücksichtigung der kommunalen Finanzkraft ein zusätzlicher Mitteleinsatz der Landesregierung unverzichtbar.

Für die Realisierung einer solidarischen Bildungsregion Ruhrgebiet braucht die Region ein breites Bündnis mit Partnern aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Unterstützung der Eltern ist ebenso wichtig wie das ehrenamtliche bürgerschaftliche Engagement. Gebraucht wird die Mitwirkung der Verbände, der Kirchen und der Gewerkschaften. Die Kooperation der Wirtschaft ist u.a. für den gelingenden Übergang von der Schule in den Beruf unverzichtbar.

Die Grünen im Bezirksverband Ruhrgebiet rufen die Ruhrgebietskommunen dazu auf, ihre Interessen unter der Zielsetzung einer solidarischen Bildungsregion gemeinsam zu organisieren und nach außen, auch gegenüber der Landesregierung offensiv zu vertreten. Wir fordern den KVR auf, im Rahmen seiner Möglichkeiten als Moderator den Prozess nachdrücklich zu unterstützen.

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